Neue Chinoiserie

ES WAR EINMAL – Im chinesischen Märchen folgt nun die Angabe der Regierungs-periode, der Provinz und des Ortes der Handlung. Der Held wird mit Namen genannt. Häufig beginnt das Märchen auch mit einer poetischen Beschreibung wie “Berge in der Ferne und Wasser in der Nähe”.

An einem Berg, der hoch in den Himmel ragt, lebte einst Daschëng, ein schöner Jüngling, sehr arm und sehr einsam. Er steigt ins Gebirge, um Holz zu schlagen, findet eine Flöte und bläst auf ihr Melodien voller Sehnsucht in den Widerhall der Berge. Die Flöte und die Schmetterlingsfee, ein wunderschönes Mädchen, gehören zusammen, wie auch alsbald Daschëng und die Fee zusammen gehören als Mann und Frau. Doch dann begegnet Daschëng auf einer goldenen Brücke dem Schildkrötenmann. Der Geist verwandelt die schöne Frau in einen weißen Schmetterling. Ein schwerer Kampf mit wilden Tieren und grausigen Kriegern, entsprungen dem Flaschenkürbis des Geistes, muss bestanden und mittels der Flötentöne siegreich beendet werden.

Die Märchen im alten China finden oft nicht zum guten Ende. Der arme Fischerjunge, welcher die Lotosfee zur Frau bekam, kann der Verführung der Hexe im Gebirge nicht widerstehen. Einmal rettet ihn die Fee, aber beim zweiten Mal muss er sterben. Seinem Grab erwächst der Mimosenbaum, seine Verwandlung ist das bitter-schöne Ende. Geister und Feen agieren mit den Menschen, meist den Ärmsten. Verwandlungen finden statt. Die Elemente spielen mit. Luft, Wasser und Erde dringen ineinander.

Als ich beginne, die Märchen zu lesen, befinde ich mich in zehntausend Meter Höhe und werde in Richtung Osten geflogen, nach Xi’an, der alten Kaiserstadt Chinas. Mich überwältigt eine andere neue Wirklichkeit, kontrastreich und fremdartig. In alten Tempeln und Nekropolen, in Museen und Gärten tauche ich in eine märchenhafte Welt ein. Die Seidenmalerei umgibt ein Zauber. Tore und Balken sind mit Bildern und Ornamenten in reichen Farben verziert. Steine sind ornamental und figürlich gestaltet. Tempelgesims, Pagodentürme, Balustraden, knorrige Kiefern und weich-schwingendes Weidengeäst kehren sich im Lotosteich um. In den Spiegelbildern werden die Märchen lebendig. Große Blätter des Lotos wiegen sich auf dem Wasser. Knospen, Blüten und Samenkapseln schwingen im Wind und beginnen zu erzählen.

Gelesenes vermischt sich mit Gesehenem und Geistigem – es drängt auf das transparente zarte Chinapapier. Formen asiatischer Kunst nehme ich auf, variiere sie und verwandle sie in eigene Sprache. Die mir vertrauten Aquarellfarben verwende ich im vorsichtigen Abwägen der richtige Farb- und Wasserkonsistenz auf dem saugenden Papier. Die Bilder entstehen nicht illustrativ zu den Märchen. Sie sind von verschiedenen Szenen angeregt, sie verallgemeinern und spiegeln die Sphären der Märchen.